Gustav-Adolf-Kirche Niederursel

Claudia Michels

Frankfurt-Niederursel

Vergessenes Gotteshaus

 

Buntglasscheiben, die „nicht mit dem originalen Farbeindruck korrespondieren“: Innenraum der Gustav-Adolf-Kirche vor der Restaurierung.

Martin Elsässers Gustav-Adolf-Kirche in Niederursel ist für manche Entdeckung gut. Anders als die im gleichen Jahr entstandene Frankfurter Großmarkthalle ist sie nicht in Backstein sondern in Mauerwerk und Eisenbeton errichtet - und das in nur einem Jahr.

Von diesem Fuß hat noch niemand erzählt. Eines Tages ist ein feingliedriger nackter Fuß an der Altarwand der Gustav-Adolf-Kirche erschienen. Dem Restaurator Thorsten Moser kam der Fuß, einige Blutspuren auf dem Spann, direkt unter das Messer, mit dem er am bräunlichen Putz kratzte. Gemeindepfarrer Michael Stichling erinnert sich: „Der Moser hat laut geschrien.“

Jetzt ist der Fuß des Gekreuzigten, die unversehens aufgetauchte Spur eines Altarbilds, in einem freigelegten Viereck für jedermann zu sehen. Ein Fenster in die Geschichte der von Martin Elsässer 1928 errichteten Niederurseler Gustav-Adolf-Kirche tut sich auf, in der „braunen Soße“, der Einheitsfarbe, in welche nach 1957 der Innenraum des monumentalen Kulturdenkmals getaucht worden ist.

Das Bild von der „braunen Soße“ hat der Architekt D. W. Dreysse in den Raum gestellt,, als er kürzlich eine Gruppe der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“ durch die Kirche führte. Er versucht nämlich grade, Sympathisanten für die Restaurierung zu finden.

Dreysse ist es, der Elsässers bald 90 Jahre alten Bau wieder zu dem „farblichen Wunderwerk“ der Entstehungszeit machen will. Eine Komposition aus knallroten Fensterrahmen, blauen Wandnischen, Fußböden in Dunkelbraunviolett-Rot schälte sich bei der Untersuchung heraus. Die Wandbänke erschienen in elegantem Anthrazit, dahinter kam an der Wand unverhofft ein milchiges Violett zum Vorschein. Und über allem spannt sich ein himbeerrotes Himmelszelt.

Auf einer „Musterachse“ sind Spuren dieser originalen Farben bereits zur Ansicht freigelegt. „Die Experten waren hell begeistert“, berichtete Dreysse den Damen und Herren der Stiftung Denkmalschutz, von der sich Gemeinde und Evangelischer Regionalverband finanzielle Unterstützung erhoffen. „Der Stiftung würde Unterstützung gut anstehen“, rief der Vorsitzende des Fördervereins Gustav-Adolf-Kirche in die Besichtigungsrunde.

Schon seit Jahren, als der Stiftungs-Ortskurator Christian Rusch noch lebte, lassen diese Denkmalbewahrer auf die einzige Frankfurter Elsässer-Kirche nichts kommen. Deutschlandweit hatte der Baumeister „in heiliger Nüchternheit“ mehr als 50 christliche Gotteshäuser entworfen; die Gustav-Adolf-Kirche sehen die Sachwalter des Erbes darunter als „ein Schlüsselwerk“ an.

Anders als die im gleichen Jahr entstandene Frankfurter Großmarkthalle ist sie nicht in Backstein sondern in Mauerwerk und Eisenbeton errichtet, und das in nur einem Jahr – von Ostern 1927 bis Ostern 1928. Oben auf einer Anhöhe, von alten Bäumen umgeben, thront die Kirche, an einem stillen, entrückten Ort, dem früheren Kirchhof. Die Leute in Alt-Niederursel mit einem fast ungestört erhaltenen Fachwerk-Ortskern werden den Atem angehalten haben, als dieses Trumm von einem Neubau sich damals in ihrer Mitte breitmachte.

Martin Elsässer war zu der Zeit Baudirektor in der Frankfurter Verwaltung. Er kam nach Niederursel gefahren um das marode Vorgängerkirchlein auf dem Kirchhügel zu begutachten, dessen hoher, spitzer Turm bis dahin aufmüpfig aus dem Meer der geduckten Schindeldächer ragte.

Wie genau nach jener Begutachtung ein Wort das andere gab, ist nicht überliefert. Jedenfalls stand „ein vollkommener Neubau nach Plänen des Herrn Professors Elsässer“ am Ende des Ratschlags. Die alte St. Georgs-Kapelle wurde abgebrochen. Noch ehe der Nachfolgebau stand, war beschlossen, dass er nach dem Schwedenkönig Gustav Adolf heißen sollte – zur Erinnerung an die „Blutzeugen evangelischen Glaubens“ im Dreißigjährigen Krieg. An Zeiten also, in denen Niederursel „schwer zu leiden hatte“, wie die Dorfchronik ausweist: „Soldaten quartierten sich ein, brandschatzten, plünderten und verwüsteten den Ort.“ Bis heute zeugt davon in der Umfassungsmauer der Kirche der „Gehorsam“ von 1600, das frühere Niederurseler Gefängnis. Ein finsteres, vergittertes Verlies hinter einer schweren Eichentür.

Das Besondere an Elsässers Kirche ist die Gebäudeform des Oktogon, der achteckige Zentralbau. Die Fensterbänder verlaufen außer Sichtweite – da, wo die Wölbung der Dachkuppel beginnt. Als sie das Haus dreißig Jahre lang benutzt hatte, wünschte sich die Gemeinde mehr Farbe im Raum; statt der matt schimmernden Fensterscheiben wurden welche in Orange, Rot, Ocker und Braun eingesetzt. Nach heutigem Urteil wird so „der Gesamteindruck verfälscht“.

Als die Kirche dann 50 Jahre alt wurde, sorgte das damalige städtische „Referat für Denkmalpflege“ für die Wandfarbe in Braun und Beige. Pfarrer Michael Stichling hat den Eindruck von Anfang an „als furchtbar empfunden“, überliefert ein Heftchen, das die Martin-Elsässer-Stiftung herausgegeben hat. Alles ist braun, sogar die Polster der (braunen) Stühle. Das Kircheninnere wirkt bieder und leblos. Eine ursprünglich indirekte Beleuchtung ist ersetzt durch Hängelampen und Baumarkt-Lichtstrahler.

Umso aufregender die Spur des unbekannten Wandbilds des Gekreuzigten links neben dem Altar. Unter dem Wandputz auf der rechten Seite wird ein weiteres Kunstwerk erwartet. Der Restaurator scheint fähig, unter dem Putz Umrisse zu erkennen. Er erwartet, dass eine Friedenstaube zum Vorschein kommen wird.

 

Sanierung

Je nach Umfang der Baumaßnahmen werden die Kosten für Sanierung und Restaurierung der denkmalgeschützten Gustav-Adolf-Kirche, erbaut 1927/28, auf eine Summe um zwei Millionen Euro geschätzt.

Die Kirche hat den Bombenkrieg unbeschadet überstanden. Die Eingriffe ins ursprüngliche Bild sind durch die diversen Umgestaltungen erfolgt. 1957 wurden die abstrakt-bunten Glasfenster eingesetzt.

Der Förderverein Gustav-Adolf-Kirche hat sich 2010 in Niederursel gegründet, um für die Restaurierung zu werben. Architekt D. W. Dreysse ist mit der Begutachtung beauftragt.

 

Copyright © 2013 Frankfurter Rundschau

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